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Benjamin Joel B

Benjamin Joel

Name: Benjamin Joel B

Country of residence: Germany

Writing language: German


Read story below!

Story language

German
English

The "Favorite Jew"

Der "Lieblingsjude"

Written by Benjamin Joel B - 19

Aufgewachsen in einer kleinen Stadt im Norden Deutschlands, war ich für viele Menschen die erste Begegnung mit einem Juden. Immer wieder hörte ich Sätze wie: "Du bist der erste Jude, den ich treffe." Oder: "Man sieht dir ja gar nicht an, dass du Jude bist." Juden kannte man nur aus Erzählungen – aber einen zu treffen, der keinen schwarzen Anzug trägt, keine Schläfenlocken (Pejes) hat und einfach ein normaler Mensch ist, war für viele eine Überraschung. So wurde ich auch behandelt: als etwas Unerwartetes. Meine Kippa wurde als "heilige Gebetsmütze" bezeichnet, und wenn sie einmal herunterfiel, kam prompt die Frage: "Kommst du jetzt in die Hölle oder stirbst du sofort?"

Es ist erstaunlich, wie eine Religion so präsent und gleichzeitig so fern sein kann. Die meisten Menschen kennen das Judentum nur im Zusammenhang mit dem Holocaust. Dass es Juden auch heute noch gibt, wird oft vergessen – nicht aus Böswilligkeit, sondern einfach durch die fehlende Präsenz im Alltag. In meiner Stadt kannte ich selbst keine anderen Juden. Wie sollten also andere welche kennen?

Mit der Zeit gewöhnen sich die Leute daran. Sie hören auf zu fragen, warum ich so oft fehle oder warum ich am Samstag nicht mit in die Stadt komme. Aber wirklich gleich werde ich trotzdem nie. Ich bin irgendwie einer von ihnen, aber gleichzeitig auch anders. Normal fühlt sich meine Religion nur an, wenn ich am Sonntag im Chabbad in Hamburg bin. Dort muss ich nicht erklären, warum ich kein Schweinefleisch esse. Dort kann ich meine jüdische Identität einfach leben. Aber sobald ich die Synagoge oder die Chabbad-Schule verlasse, bin ich wieder der Fremde. Der, in dessen Nähe man keinen Holocaust-Witz machen darf – als ob ich das Problem wäre und nicht der Witz selbst.

Jüdisches Leben lässt sich jedoch nicht nur in solchen Ausnahmesituationen führen. Zuhause kann ich meine Zizit sichtbar tragen, ohne Angst vor Beleidigungen zu haben. Ich muss meine Kippa nicht verstecken, ohne befürchten zu müssen, plötzlich für die Konflikte in Israel Rede und Antwort stehen zu müssen. Aber das ist mein Alltag: Entweder ich verstecke meine Identität, oder ich akzeptiere, dass ich Antisemitismus erlebe. Das war schon immer so. Deswegen wundert es mich auch nicht, wenn meine Eltern mich bitten, zu meiner eigenen Sicherheit keine Davidsternkette zu tragen. Egal wie sehr ich versuche, meine jüdische Identität im Alltag zurückzuhalten – für viele bin ich am Ende doch nur "der Jude" oder sogar ihr "Lieblingsjude", weil das anscheinend das besondere an mir ist.

Wo kann ich also meine Kultur wirklich ausleben? In Feriencamps wie J-Arteck? Dort verbringe ich endlich Zeit mit anderen jüdischen Jugendlichen, lebe meine Kultur aus und lerne Neues über sie, ohne ständig Erklärungen abgeben zu müssen. Es ist eine Erleichterung, morgens aufzustehen und nicht erklären zu müssen, warum ich mir als Erstes die Hände wasche. Aber auch das ist spätestens in zwei Wochen wieder vorbei.

Wenn ich über das Judentum spreche, geht es fast immer um die Shoah. Es ist ein wichtiges Thema, aber Judentum ist nicht nur die Shoah. Viele Menschen sehen es jedoch ausschließlich so. Eine Mischung aus Mitleid und Scham kommt auf, sobald über das Judentum gesprochen wird – gepaart mit einer spürbaren Unwissenheit und Unerfahrenheit. Manchmal höre ich dann Sätze wie: „Ist nicht bald euer Weihnachten?“ oder: „Ich habe auf TikTok gesehen, dass bald euer Surot (gemeint ist Sukkot) ist.“

Ich kann es den Leuten kaum verübeln. Das Judentum ist, auch wegen seiner Geschichte, ein Thema, das im Alltag selten vorkommt. Wenn darüber gesprochen wird, dann oft nur mit Vorsicht. Die Shoa schwebt immer im Hinterkopf, als unausgesprochener Teil jeder Konversation. Und der Nahostkonflikt macht es auch nicht leichter. Ich habe immer mehr Angst, meine Religion offen zu zeigen. Wenn ich dann darauf angesprochen werde, geht es selten um meine Kultur oder meine Traditionen, sondern meist um den Konflikt mit Palästina. Plötzlich werde ich gefragt, wie es mir damit geht oder was ich dazu zu sagen habe – als wäre ich automatisch ein Experte, nur weil ich der einzige Jude bin, den sie kennen. Sowohl Muslime als auch wir Juden werden da hineingezogen, ohne ein Teil davon zu sein.

Diese Fragen belasten mich. Ich möchte meine jüdischen Wurzeln bewahren – die Traditionen, die Kultur, die Werte, die mir wichtig sind. Aber es fällt mir schwer, weil das Judentum für viele immer nur auf die Vergangenheit oder auf politische Konflikte reduziert wird. Dabei gibt es so viel mehr, das uns ausmacht, das wir jeden Tag leben. Aber darüber wird selten gesprochen.

Am Ende bleiben mir nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich ziehe nach Israel, oder ich bleibe für immer der "Lieblingsjude".

An unexpected encounter

Growing up in a small town in northern Germany, I was, for many people, their first encounter with a Jewish person. Time and again, I’d hear comments like, “You’re the first Jew I’ve ever met.” Or, “You don’t even look Jewish.” People only knew about Jews through stories – so meeting someone who didn’t wear a black suit, didn’t have sidelocks (peyes), and was just a regular person was surprising to many. That’s also how they treated me: as something unexpected. My kippah was called a “holy prayer cap,” and if it ever fell off, someone would immediately ask, “Are you going to hell now, or will you die on the spot?”

It’s astonishing how a religion can be so present and yet so distant at the same time. Most people only know about Judaism in the context of the Holocaust. The fact that there are still Jews today is often forgotten – not out of malice, but simply because of the lack of everyday visibility. Even I didn’t know any other Jews in my town. So how could anyone else?

People only knew about Jews through stories – so meeting someone who didn’t wear a black suit, didn’t have sidelocks (peyes), and was just a regular person was surprising to many.

Being invisibly Jewish

Over time, people got used to it. They stopped asking why I was often absent or why I didn’t go out with them on Saturdays. But I was never truly treated as the same. Somehow, I’m one of them, yet also different. My religion only feels “normal” when I’m at the Chabad center in Hamburg on Sundays. There, I don’t have to explain why I don’t eat pork. There, I can simply live my Jewish identity. But as soon as I leave the synagogue or the Chabad school, I’m back to being the outsider. The one people avoid making Holocaust jokes around – as if I’m the problem and not the joke itself.

Jewish life can’t just be lived in these rare, isolated settings. At home, I can wear my tzitzit openly without fear of insults. I don’t have to hide my kippah and worry about suddenly having to answer for the conflicts in Israel. But that’s my reality: either I hide my identity, or I accept that I’ll face antisemitism. It’s always been this way. So I’m not surprised when my parents ask me, for my own safety, not to wear a Star of David necklace. No matter how much I try to downplay my Jewish identity in everyday life, for many, I’m still just “the Jew” or even their “favorite Jew” – because apparently, that’s what makes me stand out.

So where can I truly live my culture? At holiday camps like J-Arteck? There, I finally spend time with other Jewish youth, embrace my culture, and learn more about it without constantly needing to explain. It’s a relief to wake up in the morning and not have to explain why the first thing I do is wash my hands. But even that ends after two weeks at most.

But as soon as I leave the synagogue or the Chabad school, I’m back to being the outsider. The one people avoid making Holocaust jokes around – as if I’m the problem and not the joke itself.

More than memories and conflicts

Whenever I talk about Judaism, it’s almost always about the Shoah. It’s an important subject, but Judaism is not only the Shoah. For many people, though, that’s all they see. A mix of pity and shame appears whenever Judaism is discussed – coupled with a palpable lack of knowledge and experience. Sometimes, I’ll hear things like, “Isn’t your Christmas coming up soon?” or “I saw on TikTok that your holiday Surot (meaning Sukkot) is coming up.”

I can hardly blame them. Judaism, partly because of its history, is rarely part of everyday life. And when it is discussed, it’s often with extreme caution. The Shoah always hovers in the background, an unspoken part of every conversation. And the Middle East conflict doesn’t make it any easier. I’m increasingly afraid of openly showing my religion. When people do bring it up, it’s rarely about my culture or traditions, but almost always about the conflict with Palestine. Suddenly, I’m asked how I feel about it or what I have to say on the topic – as if I’m automatically an expert, just because I’m the only Jew they know. Both Muslims and we Jews get drawn into this issue, despite having no part in it.

These questions weigh on me. I want to preserve my Jewish roots – the traditions, the culture, the values that matter to me. But it’s hard, because for many, Judaism is only about the past or political conflict. Yet there’s so much more to us, something we live every day. But that’s rarely talked about.

In the end, I’m left with two choices: either I move to Israel, or I remain forever the “favorite Jew.”

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