Name: Elli S
Gender: female
Country of residence: Germany
Writing language: German
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Mein Judentum war lange Zeit wie die Lichterkette in meinem Zimmer: Trost spendende Dekoration.
Ich meine das nicht nur im bildlichen Sinne. Mein Verständnis dafür, jüdisch zu sein, rührte nicht von aktiven Ritualen im familiären Alltag, sondern von dem Anblick der Hamsa im Eingangsflur meiner Babushka, und den kleinen Rabbiner- Tonfigürchen auf unserer Wohnzimmeranrichte. Da war die Mezuzah an all unseren Wohnungstüren, die Chanukkia im Bücherregal, der Chabad-Kalender und die kleinen Magneten aus Israel am Kühlschrank. All diese alltäglichen Winzigkeiten erinnerten mich daran, jüdisch zu sein - und dies war auch notwendig, denn ohne sie wäre mein Wissen darüber ganz sicherlich in Vergessenheit geraten. Ich spiele damit hervorragend in die Perspektive, auf die so viele postsowjetische Juden beharren: säkular aufgewachsen zu sein, und dennoch sein gesamtes kulturelles Selbstverständnis auf dem Judentum zu bauen.
Die Lichterketten-Metapher ist auch insofern zutreffend, dass ich jüdisch zu sein tatsächlich als funkelnden Glanz in meinem Leben empfand. Obwohl mir von meinen Großeltern wiederholt aufgetragen wurde, nicht herumzuposaunen, dass ich jüdisch war, teilte ich meine Kultur unbeirrt mit jedem, der danach fragte. Ich sah es als meine Aufgabe an, Licht ins dunkle Unwissen meiner deutschen Mitschüler bringen, die sich unter Judentum nur tote Menschen und chassidische Rabbiner vorstellen konnten – Bilder, zu denen ich keinerlei Bezug verspürte. Also wurde ich zum säkularen „Ambassador“, und die Formulierung „ethnisch und kulturell jüdisch“ essenzieller Bestandteil meines Vokabulars.
Ich empfand mein Judentum als Schmuck, obwohl es in keinster Weise meine Gewohnheiten bestimmte. Nun ja, mit Ausnahme des jährlichen Musikwettbewerbs in meiner jüdischen Gemeinde, bei dem ich mit meinen gleichaltrigen Mitleidenden nacheinander zum Instrument vorgeschickt wurde, um zitternd Schubert zum Besten zu geben. Währenddessen dokumentierten unsere postsowjetischen Eltern, aufgereiht und ausgestattet mit Videokameras, ihr eigenes Kind mit solchem Stolz, als würde dort der nächste (ungetauft gebliebene!) Felix Mendelssohn Bartholdy sitzen. Im Anschluss wurde einem mitgeteilt, dass die Enkelin einer Freundin Babushkas besser gespielt habe, aber nichtsdestotrotz war man erfüllt von Erleichterung - denn man wusste, dass man nun für ein Jahr von dieser performativen Qual verschont bleiben durfte. Diese Musikwettbewerbe blieben die ersten 12 Jahre meines Lebens der einzige Anlass, zu dem ich die jüdische Gemeinde betrat.
Und dennoch spürte ich bereits damals, noch ehe ich ein Konzept von Vermächtnis entwickelte, dass es durch das Jüdisch-Sein eine hoffnungstragende Komponente in meiner Geschichte gab, die auf mich Stolz und Verantwortung übertrug, und mich zu einem Teil einer größeren Einheit machte. Ein Funke der Spiritualität war also selbst inmitten dieser säkularen Kindheit schon immer da, und endgültig entfacht wurde er schließlich dank Netzer.
Netzer Germany e.V. ist ein reformzionistischer Verein, der Ferienlager für jüdische Kinder und Jugendliche organisiert. Meine Eltern erfuhren durch Zufall davon, und hatten wohl selbst nicht erwartet, dass ich von einer einmaligen Teilnahme so verändert und enthusiastisch zurückkehren würde. Inzwischen glaube ich, dass das erste Machane vielen Kindern als vergleichbares Gefühl purer Euphorie in Erinnerung bleibt. Viele Dinge wurden mir auf meinem ersten Machane bewusst, von denen ich zuvor keine Vorstellung besaß: dass Religion schön sein konnte, und dass es mehr solche wie mich gab. Russischsprachig. Durch und durch jüdisch. Vollends säkular aufgewachsen.
Nach meinem ersten Machane empfand ich plötzlich nicht mehr das Bedürfnis, mich ausschließlich als säkular zu bezeichnen. Endlich hatte ich Religion als etwas erfahren, dass verband und Gemeinschaft schuf, statt zu trennen. Gesessen und gebetet wurde miteinander, der Raum dabei mit Klängen und intentionalen, bekannten Worten ausgefüllt, die Freude verbreiteten. Kleidung war allenfalls eine Möglichkeit des Selbstausdrucks, nicht etwas, anhand dessen man beurteilt wurde und Fehler machen konnte. Im Kabbalat Shabbat erschufen wir gemeinsam etwas, und erstmals konnte ich Religion als Prozess der Kreativität und Kollaboration betrachten. Selbst unzählige Jahre und G’ttesdienste später löst die Erinnerung an diesen ersten Shabbat Gänsehaut und Dankbarkeit in mir aus. Mir eröffnete sich eine neue Welt, und ich verbrachte in den darauffolgenden Jahren viel Zeit, genauer zu explorieren, welche Position ich in ihr, und sie in meinem Leben, einnehmen konnte.
Es dauerte nicht lange, bis sich in mir der Wunsch regte, meine Bat Mitzvah nachzuholen. Auch ich wollte meine religiöse Mündigkeit offiziell absolvieren, zelebrieren und meinen eigenen Tallit beim Schacharit tragen dürfen. Für mich war allerdings klar, dass dies nur in einer reformjüdischen Institution passieren konnte. Die Lösung, die herangezogen wurde, spiegelt erneut die typisch jüdischen Elemente meiner Biografie wider. Als Kind von jüdischen Immigranten war es eine Selbstverständlichkeit, dass meine Familie in der Diaspora verstreut war. Darunter ließ sich natürlich auch der neben Israel typischste Zielorte jüdischer Auswanderung finden: die USA. Dort in Amerika, in einer kleinen demokratisch wählenden Universitätsstadt, mit einer kosheren Abteilung im Supermarkt, Mazel-Tov -Postkarten zu jedem Anlass in jedem Schreibwarengeschäft, einem jüdischen Abschnitt auf dem Friedhof, und „Happy-Holidays“, statt „Merry Christmas“-Bannern im Dezember, hatten sich meine Großeltern und Tante niedergelassen. Dort war es auch, dass ich das erste Mal eine reformjüdische Gemeinde erlebte. Wir waren zu Rosh Hashana zu Besuch, und ich empfing das neue jüdische Jahr in einem großen Raum mit Buntglasfenster unter Anleitung einer Kippa-tragenden Rabbinerin. So entsprang die Idee und der Beschluss wurde gefällt, dass ich hier meine Bat Mitzvah nachholen sollte.
Meine Bat Mitzvah glich überhaupt nicht dem Teenager-(Alp-)Traum in Adam Sandlers neuem Netflix-Film. Stattdessen bereitete ich mich, noch in prä-pandemie-Zeiten, monatelang mit einer Lehrerin per Online-Unterricht vor. Die Zeremonie selbst fand an einem Samstagmorgen statt, und bis auf meine Familie hielt sich die Anwesenheitsdichte von Gemeindemitgliedern stark in Grenzen. Ich versprach mich kein einziges Mal beim Lesen, stellte mich anregenden Diskussionsfragen und -antworten nach meiner Dvar Torah, und zuletzt performte der Kantor für mich ein Lied mit seiner Gitarre. Gefeiert wurde im Anschluss nicht in einem angemieteten Raum mit seitenlanger Gästeliste und DJ, sondern ausschließlich im familiären Kreis in meinem Lieblingsrestaurant: einem Mexikaner, bei dem man als Dessert eine Schokoladen-Pinhata zerschlagen durfte. Es war von vorne bis hinten perfekt.
Damals betrachtete ich die Bat Mitzvah als Krönung meiner spirituellen Suche – ich, die ohne Eltern und familiären Bezug zur religiösen Seite des Judentums gefunden hatte und es auf meine Art und Weise auslebte.
Natürlich war das eine voreilige Schlussfolgerung.
Noch jüdischer als meine Chuzpe ist der ständige Drang zur Re-Evaluation, der in mir verankert ist. Und so durfte ich in den letzten Jahren stetig lernen und meine Neugier aufs Neue entfachen.
Ich nutzte mein Jüdisch-Sein als Ausgangspunkt für Bildungsseminare und -Reisen. Ich erfuhr jüdische Normalität während meines Auslandsjahres in Michigan, wo das örtliche Hillel problemlos 2000 Plätze für ein reguläres Shabbat-Dinner füllen konnte. Während derselben Zeit lernte ich Reconstructionism kennen und absolvierte ein Praktikum in einer egalitären konservativen Gemeinde – obwohl ich zuvor geglaubt hatte, diese zwei Adjektive würden sich ausschließen. Ich erkannte, dass es die migrantische Prägung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland ist, die sie für mich vertraut macht - und damit die jüdische Normalität in Amerika fremd. Ich belegte einen Judaistik-Kurs, der mir jüdische Denker wie Arthur Green, Abraham Joshua Heschel, Lawrence Kushner und das amerikanisch-jüdische Phänomen „spiritual, but not religious“ vorstellte. An einem Shabbat-Abend fand ich mich auf dem Boden eines Studentenwohnheims in einem Sitzkreis mit anderen reformjüdischen Studierenden wieder. Wenn ich mein Reformjudentum darstellen müsste, so wäre es mittels dieses Moments: Wir alle kamen aus völlig unterschiedlichen Ecken der Welt. Wir alle waren unterschiedlichst jüdisch sozialisiert worden. Wir alle gaben gemeinsam „One Day“ von Matisyahu zum Besten. Wir alle kannten den Text in- und auswendig.
Nach dem 7. Oktober taumelte ich plötzlich in einer Parallelwelt, abgeschirmt von der westlichen Mehrheitsgesellschaft, und verwandelte infolgedessen das Ausleben meines Jüdisch-Seins, welches zuvor rein persönlicher und spiritueller Natur gewesen war, in öffentlichen, politischen Aktivismus.
Und so geht es weiter.
Meine Babushka hat mir in meiner Kindheit oft auf Russisch vorgelesen, während ich ihren Borschtsch schlürfte. Eines meiner liebsten solch vorgelesenen Werke ist bis heute die Biografie der jüdischen Autorin Aleksandra Burshteyn, die beide Weltkriege überlebte und in diesem Buch in Kindheitserinnerungen schwelgt. Der Titel des Buches lautet „Doroga uchodit v dalj“ – „Der Weg führt in die Ferne“. Das gilt auch für mich. Mein Weg führt in die Ferne, und erleuchtet wird er auch weiterhin von der kontinuierlichen Lichterkette, die das Judentum für mich darstellt. An seinem Ende wartet keine Ziellinie. Keine Bat Mitzvah oder sonstige Erfahrung wird jemals als Krönung oder Abschluss meines jüdischen Pfades dienen können, denn solange ich lebe und denke, tu ich dies auf jüdische Art – wandelnd und wandernd.
стать следующей!